Oskar

Ohne Geduld hätten wir bei Oskar wohl alle die Hoffnung längst aufgegeben, damals vor 15 Jahren. „Die Sache war nämlich die: Oskar, unser Eichelhäher, war wahrlich keine Schönheit, er hatte jedoch seinen eigenen Charme, denn Oskar war anders als seine Artgenossen im auffälligen Federkleid. Er besaß nämlich keines! Dadurch war er aber auf seine Weise einzigartig und unverwechselbar. In seiner rosigen Nacktheit saß er am offenen Fenster neben dem Käfig und sinnierte wohl, wie hübsch ein kräftig gezeichnetes Federkleid ihm zu Gesichte stände. Ein warmer Braunton, gespickt mit ein bisschen Rosa, dazu ein heller Kehlfleck, ein langer, schwarzer Schwanz, eine schicke, hellblaue Bänderung an den Vorderflügelkanten und ein dezentes, weißes Abzeichen am Flügel – das hätte ihm sicher gefallen und es hätte zudem seine immer wieder gescheiterten Flugversuche enorm unterstützt. Der Traum vom Fliegen – er sollte für Oskar, den Kahlen, wohl ein Traum bleiben. Selbst ein langsamer, eher schwerfällig und unelegant anmutender Flug über das benachbarte zwischen unzähligen Japanischen Kirschbäumen stehende Lilienthal-Denkmal hätten ihm schon genügt. Es hätte auch nicht lang sein müssen, das luftige Vergnügen, aber kurz mal abheben – wer hätte es Oskar, unserem federlosen Eichelhäher nicht gegönnt.

Immerhin waren 11 Jahre ins Land gezogen, ohne dass selbst ein süßer Flaum an seinem sonst gut gewachsenen Körper sich zeigte. Mit dessen unglücklicher Seelenlage wollte sich Dr. Lorenz jedoch nicht nicht abfinden. Sie wälzte also die Fachbücher wie damals im Studium, recherchierte und fand heraus, dass eine Hormontherapie die gewünschte Heilung bringen könnte, sie benötige jedoch einen langen Atem. Es wurde Sommer, es wurde Winter. Dann, nach 13 Jahren, zeigten die Hormone Wirkung: Ein zarter Federflaum am Bauch und ungläubiges Staunen bei allen in der Praxis.

Von da an ging alles schnell. Die gefiederte Pracht ließ sich nun nicht mehr bremsen, bis auch das letzte nackte Stückchen seines Rabenkörpers sich in artgerechtem Federschmuck zeigte.

Oskar, der Eichelhäher schlug mit den Flügeln. Erst einmal. Dann zweimal und noch etwas ungelenk am Anfang. Oskar flatterte noch ein bisschen mehr und dann an einem einladend sonnigem Tag im Frühling hob er ab zu seinem ersten Flug. Hinweg über unseren Gartenteich und höher hinaus über die Baumwipfel am Straßenrand. Doch nach einem eher kurzen Flug kehrte er zu uns zurück, wie er es heute noch tut, denn Oskar lebt immer noch draußen im Garten in dem Flecken Erde, wo er sein ganzes nacktes Leben verbracht hat: Oberhofer Weg 68 hinten im Garten, wo er, wann immer ihm danach ist, durchs Fenster schielen kann und regelmäßig von Susi oder Kim sein Futter bekommt.

 

Oskar legt ersten Flaum an.

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